Öffentliche Vortragsreihe InnovAging
Vortrag Heinz-Gerhard Wente
"Kampf um kluge Köpfe – neue Strategien zur Mitarbeiterrekrutierung und -qualifizierung"
Die letzte öffentliche Veranstaltung von InnovAging stand unter dem Titel „Kampf um kluge Köpfe – neue Strategien zur Mitarbeiterrekrutierung und –qualifizierung“. 195 Personen kamen am 20. April 2010 dazu ins Sprengel Museum zusammen.
Frau Prof. Dr. Gisela Fischer, Projektleitung InnovAging, machte in ihrer Begrüßung darauf aufmerksam, dass der erwartete Fachkräftemangel die Überlebensfähigkeit insbesondere von kleinen und mittelständischen Unternehmen bedrohe. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird sich die Anzahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis zum Jahr 2030 um 15 % vermindern. Damit verbunden ist eine Fachkräftelücke von etwa 5,5 Mio. Personen. Dieser können die Unternehmen nur begegnen, indem sie künftig insbesondere Frauen, Personen mit Migrationshintergrund, jüngere und ältere Erwerbspersonen einstellen, die erwerbsfähig sind, aber dem Arbeitsmarkt noch nicht zur Verfügung stehen. Die Zukunftsfähigkeit der Region Hannover hänge daher davon ab, in wie weit es den KMU gelinge, diese Kompensationsmöglichkeiten offensiv zu nutzen.
Wie das Unternehmen Continental mit dieser Herausforderung umgeht, erläuterte Heinz-Gerhard Wente, Personalvorstand und Arbeitsdirektor des Continental-Konzerns sowie Leiter der Division ContiTech. ContiTech ist dezentral organisiert und steht damit vor ähnlichen Fragestellungen des Personalmanagements wie viele kleine und mittelständische Unternehmen. Der wesentliche Erfolgfaktor bei der Personalsuche – so Herr Wente – sei die Attraktivität als Arbeitgeber. Dieses gelte auch für kleine Unternehmen. Für die Personalsuche ist es für ContiTech zwar einerseits vorteilhaft, dass der Konzern eine bekannte Marke sei. Andererseits sei es häufig auch hinderlich, nur mit dem Produkt „Reifen“ verbunden zu werden. Mit einem lokalen Auftreten versucht ContiTech nicht nur qualifizierte Mitarbeiter, sondern auch diejenigen zu finden, die sich an den verschiedenen
regionalen Standorten wohl fühlen und dort leben wollen. Heute stehe für jüngere Bewerber, so zeigt etwa die jährliche Studentenumfrage des Continental-Konzerns, Work-Life-Balance im Vordergrund und nicht mehr materielle Werte (Einkommenshöhe, Dienstwagen etc.). Diese Veränderung sollten Klein- und Mittelunternehmen berücksichtigen und ihre Attraktivität als Arbeitgeber stärker nach außen tragen. Continental versucht über verschiedene Wege mit qualifizierten Bewerbern in Kontakt zu treten (z. B. Praktika, Kontakthalten zu ehemaligen Praktikanten). Aufgrund des demografischen Wandels verstärkt der Konzern nicht nur die Bemühungen bei der Personalsuche, sondern fördert das lebenslange Lernen der unterschiedlichen Personengruppen der Belegschaft und schafft altersgerechte Arbeitsbedingungen.
Prof. Dr. Peter von Mitschke-Collande, Projektleitung InnovAging, stellte anschließend die Vertreter aus vier Klein– und Mittelunternehmen vor, die in Kurzbeiträgen berichteten, wie Jüngere, Ältere, Frauen, Personen mit Migrationshintergrund erfolgreich rekrutiert werden können und welche betrieblichen Ansätze zur zielgruppenspezifischen Qualifizierung sie heute einsetzen.
Herr Dr. Uwe Groth, VDI Hannover, beleuchtete in seinem Statement die Gruppe der Jüngeren: Er prophezeite einen zunehmenden Wettbewerb bei der Nachwuchsgewinnung und damit „goldene Zeiten für jüngere Leute“ auf dem Arbeitsmarkt. Die Unternehmen sollten daher frühzeitig auf sich als attraktiver Arbeitgeber aufmerksam machen und stärker mit den Bildungsträgern zusammenarbeiten (z. B. auch finanzielle Unterstützung, Unternehmer im Unterricht). Um die Bildungs- und Beschäftigungseignung zu verbessern, sollte der Praxisbezug schon in der Schule eine größere Rolle spielen (Schülerfirmen etc.).

Die Personengruppe „Frauen“ wurde von Frau Bettina Dombrowski, Holtmann GmbH / WIR, vertreten. Sie betonte, dass künftig kein Unternehmen auf Frauen verzichten könne, da sie einen großen Anteil der „Reserve“ der hoch Qualifizierten darstellen. Gleichzeitig sind es aber insbesondere Frauen, die Familienaufgaben zu bewältigen haben (Betreuung von Kindern, Pflege von Angehörigen). Dies führe in den Unternehmen immer noch zu dem Vorurteil gegenüber Frauen, dass sie weniger belastbar seien. Diese Vorurteile innerhalb der Unternehmenspolitik sollten überprüft und überwunden werden. Insbesondere KMU können ihre flexiblen Entscheidungsstrukturen dazu nutzen, Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf einzuführen und so bei der Personalsuche und -bindung im Vergleich zu anderen Arbeitgebern zu profitieren.
Rund 21 % der Mitarbeiter der Office Hoch 5 GmbH hat einen Migrationshintergrund. Diese Vielfalt trage, so Herr Markus Ebbecke, entscheidend zum Unternehmenserfolg bei. Die offene, multikulturelle Unternehmenskultur präge die Mitarbeiter. Gleichzeitig können durch die Mehrsprachigkeit neue Kundengruppen gewonnen werden. Wichtig sei es, ohne Vorbehalte auch Bewerber mit Migrations-hintergrund zu Vorstellungsgesprächen einzuladen und dabei den Menschen mit seiner Leistung in den Vordergrund der Betrachtung zu rücken.
In der Reinigungs- und Sicherheitsbranche werden viele Mitarbeiter auch noch nach dem gesetzlichen Rentenalter beschäftigt. Dies liege, so Herr Dieter Lorenz von Habekost+Fichtner GmbH, daran, dass diese sich etwas zur Rente dazu verdienen müssen oder wollen. Ältere Mitarbeiter zeichnen sich insbesondere durch Gelassenheit bzw. Ruhe gegenüber dem Kunden aus. Sie vermögen es aus seiner Sicht besser, den Mehrwert der Dienstleistung und damit des Unternehmens insgesamt darzustellen. Das Unternehmen stelle deshalb bewusst ältere Fachkräfte ein und fördert die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter durch ein betriebliches Gesundheitsmanagement (z. B. mit Hilfe eines speziellen Angebotes beim Physiotherapeuten oder der Ausstattung der Betriebs-Walking-Gruppe).

Herr Frank Bethge zeigte abschließend, wie die Agentur für Arbeit Hannover auf die Herausforderungen reagiert und KMU unterstützt. Zwar sind die Instrumente der Arbeitsagentur nicht spezifisch Zielgruppen ausgerichtet, dennoch lässt sich feststellen, dass beispielsweise viele Frauen vor der Berufsrückkehr nach einer Erziehungszeit die Förderprogrammen zur beruflichen Weiterbildung nutzen. KMUs können sich mit ihren Fragestellungen an den Arbeitgeberservice wenden, der verschiedene Beratungs- und Fördermöglichkeiten biete.
In seiner Schlussbemerkung äußerte Herr Wente, dass er beeindruckt von den zahlreichen innovativen Ansätzen der KMU-Vertreter zur Rekrutierung und Qualifizierung sei und er viele Anregungen erhalten habe.
Der Musiker Omid Bahadori begleitete mit seiner „Musik zwischen Orient und Okzident“ das Programm.
Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung vertieften zahlreiche Gäste beim „Netzwerken mit Imbiss“ den Erfahrungsaustausch.
