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Foto: Himmel
Aktionsbündnis zur Innovation durch betriebliches und regionales Demografie-Management
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Öffentliche Vortragsreihe InnovAging
Vortrag Lothar Schulze und Prof. Dr. Dr. Helmut Schneider

"Demografie-Management: Familienbewusste Strukturen in KMU"

Die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist ein wichtiges Ziel des Demografie-Managements. Durch die Schaffung von familienbewussten Strukturen profitieren Mitarbeiter und Unternehmen gleichermaßen. Denn die betriebliche Unterstützung der Beschäftigten bei der Bewältigung von Familienaufgaben ermöglicht es Unternehmen, qualifizierte Mitarbeiter zu halten. Gleichzeitig steigt mit der höheren Arbeitszufriedenheit die Produktivität im Unternehmen. Das Image des attraktiven Arbeitgebers schafft zudem Vorteile im Wettbewerb um Fachkräfte. Unter diesem Thema lud InnovAging KMU und andere Interessierte am 29. März 2011 in das Sprengel Museum ein.


Prof. Dr. Gisela Charlotte Fischer, Prof. Dr. Peter v. Mitschke-Collande, Prof. Dr. Dr. Helmut Schneider, Irène Stratmann, Lothar Schulze

Begrüßung

Frau Prof. Dr. Gisela C. Fischer, Projektleitung von InnovAging, begrüßte Referenten und Teilnehmer und betonte, dass Familienfreundlichkeit ein wichtiges Ziel sei, um dessen Verwirklichung sich Unternehmen wie Gesellschaft noch stark bemühen müssen. Die aktuelle Shell Jugendstudie belegt, dass die Bedeutung der Familie bei jungen Menschen steigt: Für 76 % der Jugendlichen ist die Familie wichtig, um glücklich zu sein; 69 % wollen später eine eigene Familie gründen. Frau Prof. Fischer unterstrich, dass heute die Familiengründung besonders von ungewissen Beschäftigungsverhältnissen wie Befristungen behindert wird.

Kulturbeitrag

Mit den Worten von Frau Prof. Fischer „Vorhang auf für den Beweis, dass sich das Thema Familie lohnt“ traten 26 Kinder des Kinderchors der Musikschule Wunstorf auf. Unter der Leitung von Herrn Drude präsentierten sie kindertypische Lieder wie „Wir werden immer größer“.


Einführung „Demografie-Management – Familienbewusste Strukturen in KMU“

Prof. Dr. Peter von Mitschke-Collande, Projektleitung von InnovAging, stellte in seiner Einführung zwei Perspektive zum Thema vor.
Zum Einen spielt das Thema aus Sicht der Unternehmen eine große Rolle, weil aufgrund des demografisch bedingten Nachwuchs- und Fachkräftemangels innovative Strategien zu Mitarbeitergewinnung und -bindung entwickelt werden müssen. Durch Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie können qualifizierte Mitarbeiter mit Familienaufgaben gewonnen bzw. gehalten werden. Bisher schränken vor allem die Frauen, wenn sie Kinder haben, ihre Erwerbstätigkeit ein, indem sie beispielsweise Teilzeit arbeiten. Mit steigender Kinderzahl ziehen sie sich verstärkt aus dem Arbeitsleben zurück: Frauen mit einem Kind sind zu 69 % erwerbstätig, Frauen mit zwei Kindern zu 64 % und Frauen mit drei Kindern und mehr nur noch zu 44 %.

Zum Anderen ist eine familienbewusste Arbeitswelt aber auch gesellschaftlich wünschenswert. Durch die Alterung der Gesellschaft wird sich die Anzahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren dramatisch erhöhen. Heute werden knapp 70 % der Pflegebedürftigen von Angehörigen betreut und auch zukünftig wird diese private, familiäre Pflege eine wichtige Stütze unserer Gesellschaft sein. Dazu muss diese Familienaufgabe mit dem Beruf vereinbart werden können. Gleichzeitig braucht unsere Gesellschaft Kinder und muss daher Bedingungen schaffen, die die Entscheidung für ein Kind erleichtern. Damit nützen familienbewusste Strukturen in den Betrieben nicht nur dem Unternehmen selbst, sondern tragen auch zum Gemeinwohl bei.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Das Beispiel der Windwärts Energie GmbH

Herr Lothar Schulze, Geschäftsführer der Windwärts Energie GmbH, stellte in seinem Vortrag dar, wie das Unternehmen Vereinbarkeit von Beruf und Familie organisiert. Windwärts, im Jahr 1994 von 21 Privatpersonen als Gesellschafter gegründet, beschäftigt sich mit der Entwicklung, der Finanzierung und dem Betrieb von Windenergie-, Fotovoltaik- und Biogasanlagen. Die Ausrichtung des Unternehmens auf eine nachhaltige Energieversorgung ist verbunden mit einer Reihe von Grundwerten, die nach außen und innen wirken. So ist die Projektentwicklung von großer Transparenz geprägt, um die Bürger frühzeitig über die entstehenden Anlagen zu informieren und Bedenken auszuräumen. Windwärts agiert hinsichtlich seines Personals nachhaltig und stellt nur dann Personen ein, wenn diese langfristig gehalten werden können. Die Unternehmenskultur ist gekennzeichnet von einem hohen Stellenwert der Kompetenz und der Motivation der Mitarbeiter. Dies zeigt sich u. a. in der Einbindung der Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse, bei der Einstellungspolitik und in dem transparenten Gehaltssystem, welches jedem Mitarbeiter ermöglicht, den Verdienst des anderen einzusehen. Darüber hinaus engagiert sich das Unternehmen in sozialen und ökonomischen Bereichen.

Anlass für die Auseinandersetzung mit der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familien war die mit der rasanten Unternehmensentwicklung eng verbundene steigende Mitarbeiterzahl. War die Anfangsphase dominiert vom Idealismus und dem Willen zum Aufbau des Unternehmens, mussten in der weiteren Wachstumsphase funktionale Strukturen geschaffen werden. Die Mitarbeiterzahl wuchs von elf auf 20 im Jahr 2001. Im Jahr 2004 wurde Windwärts auf Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie aufmerksam: Mitarbeiterinnen bekamen Kinder; eine männliche Führungskraft wollte seine Arbeitszeit reduzieren, um den beruflichen Wiedereinstieg seiner Frau zu ermöglichen. Für diese Ereignisse wurden noch individuelle Lösungen gefunden, aber es wurde klar, dass Standards für diese Fragen erarbeitet werden mussten. Inzwischen arbeiten am Standort Hannover knapp 90 Mitarbeiter, davon rund 42 % Frauen. 44 % der Mitarbeiter haben minderjährige Kinder.


Das Unternehmenswachstum im dynamischen Umfeld erfordert permanente Organisationsentwicklung und Strategieanpassung. Immer mehr wird zudem ein Fachkräftemangel, insbesondere im Bereich der Ingenieure und der kaufmännischen bzw. Finanzberufe, spürbar.

Windwärts sah sich gezwungen, sich mit den Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auseinanderzusetzen, weil die Mitarbeiter durch ihre Arbeit einen Erfahrungsschatz erwerben und spezielles Know-how entwickeln, das sich nicht einfach ersetzen lässt. Gleichzeitig setzt der Beruf der Projektentwicklung ein hohes Engagement voraus, das z. B. Reisetätigkeiten, zeitliche Arbeitsbelastungsspitzen oder das Risiko, das Projekte in letzter Minute scheitern, einschließt. Mit Hilfe des Audits berufundfamilie als strategisches Managementinstrument konnte die Firma Windwärts familienbewusste Strukturen schaffen. Im Bereich der Arbeitszeiten hat Windwärts Jahresarbeitszeitkonten eingeführt, auf denen die Überstunden gesammelt werden können und bei weniger Arbeitsanfall ausgeglichen werden. Sieben Frauen und sechs Männer, darunter auch Führungskräfte, nutzen zurzeit Teilzeitmodelle mit unterschiedlichen Stundenkontingenten. Die flexible Möglichkeit der Anpassung der Arbeitszeit an die individuelle Situation führt dazu, dass Mitarbeiterinnen nach der Geburt früher wieder einsteigen und häufig die Stunden schnell wieder angehoben werden. Zehn Mitarbeiter nutzen alternierende Telearbeit, d. h., sie arbeiten im Büro und von Zuhause.

Die Elternzeit wird von Frauen und Männern gleichermaßen wahrgenommen, wobei Männer häufig eine kürzere Zeit in Anspruch nehmen. Vor der Elternzeit finden Planungsgespräche mit dem Mitarbeiter statt und während des Zeitraums erhalten die Mitarbeiter im Rahmen eines Kontakthalteprogramms aktuelle Informationen über Entwicklungen im Unternehmen. Für den Fall, dass die Betreuung eines Kindes kurzfristig ausfällt, z. B. durch Krankheit der Tagesmutter, können Mitarbeiter ihr Kind mit zur Arbeit bringen und in einem Eltern-Kind-Zimmer betreuen. In diesem befinden sich ein kompletter PC-Arbeitsplatz, eine Kinderspielecke und ein Sofa.

Herr Schulze betonte, dass diese Maßnahmen dem unternehmerischen Interesse dienen. Eine anonyme Mitarbeiterbefragung durch das Institut der deutschen Wirtschaft im Jahr 2010 ergab eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit. „94 % unserer Mitarbeiter würden sich wieder bei uns bewerben und 97 % würden Windwärts als Arbeitgeber empfehlen.“ Die Identifikation und die Bindung an das Unternehmen sind durch die familienbewussten Strukturen gestiegen. Zudem profitiert das Unternehmen von den positiven Auswirkungen der Familienaufgaben, denn die Mitarbeiter entwickeln dadurch zusätzliche Soft Skills wie Sozial-, Führungs- und Organisationskompetenzen. Das Unternehmen spürt, dass es als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird und es einen Wettbewerbsvorteil bei der Personalsuche hat. So sind auf 16 ausgeschriebene Stellen im Jahr 2010 rund 2.000 Bewerbungen eingegangen. Der betriebswirtschaftliche Return on Invest der familienbewussten Maßnahmen beträgt, laut einer externen Berechnung, 25 %.

Familienfreundlichkeit rechnet sich

Prof. Dr. Dr. Helmut Schneider vom Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik führte mit seinem Vortrag den Beweis, dass sich Familienfreundlichkeit aus unternehmerischer Perspektive rechnet. „Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist letztlich ein Investitionsproblem.“ Denn Unternehmen müssen dazu heute sicheres Geld investieren, „in der Vermutung das zukünftig mehr Geld zurückkommt“, so Prof. Dr. Dr. Schneider. Diese Investitionen sind mit Unsicherheiten behaftet, hängen von Rahmenbedingungen wie Beschäftigtenstruktur oder Wettbewerbsintensität ab und sind dynamisch, d. h., die möglichen Erfolge werden sich erst verzögert einstellen.

Bild:
Prof. Dr. Dr. Helmut Schneider, Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster


Im Vergleich mit Unternehmen, die einen niedrigen Index-Wert aufwiesen, zeigten sich für die sehr familienbewussten Unternehmen zahlreiche betriebswirtschaftliche Effekte im Bezug auf Mitarbeitergewinnung und -bindung. So erhalten sie auf Stellenausschreibungen deutlich mehr Bewerbungen (+26 %), diese weisen durchschnittlich eine höhere Bewerberqualität auf (+4 %) und dadurch entstehen weniger Kosten für vakante Stellen. Auch hinsichtlich der bestehenden Belegschaft schneiden diese Unternehmen nachweislich besser ab: Mitarbeiterproduktivität (+17 %), -zufriedenheit (+13 %), Motivation (+17 %) und Mitarbeiterbindung (+17 %) sind höher, sie haben weniger Fehlzeiten (+13 %). Insgesamt lässt sich eine bessere Humankapitalakkumulation (+18 %) feststellen.

Jedes Unternehmen kann sich auf der Internetseite www.berufundfamilie-index.de
mithilfe eines Quick-Checks hinsichtlich seines Familienbewusstseins überprüfen.
„Dieses Thema ist wirklich eine Triple-Win-Situation“, so Prof. Schneider abschließend, denn es lohne sich für die Gesellschaft, die Mitarbeiter mit ihren Familien und die Unternehmen.

Podiumsdiskussion mit Publikumsfragen

Unter der Moderation von Prof. Dr. Peter von Mitschke-Collande wurden in der Podiumsdiskussion wichtige Fragestellungen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf angesprochen. Neben den beiden Referenten nahm Frau Irène Stratmann, Leiterin Koordinierungsstelle Frau und Beruf der Region Hannover, auf dem Podium Platz. Sie berichtete von den Aufgaben der Koordinierungsstelle, die sich als eine von 21 niedersächsischen Koordinierungsstellen um die Lösung der Arbeitsmarktprobleme von Frauen, Berufsrückkehrerinnen und Beschäftigten in der Elternzeit kümmert. Die Koordinierungsstelle berät KMU bei der Umsetzung einer familienbewussten Personalpolitik und hat einen Unternehmensverbund in der Region gegründet, der sich mit diesen Fragen intensiv auseinandersetzt. Die im Verbund engagierten Unternehmen profitieren von speziellen Angeboten wie Weiterbildungsschecks für Beschäftigte in Elternzeit oder Sommercamps zur Kinderbetreuung in den Sommerferien.

In der Diskussion wurde betont, dass KMU, obwohl sie im Vergleich zu Großunternehmen über weniger Ressourcen verfügen, vielfältige, familienbewusste Angebote schaffen können. Es komme darauf an, „herauszufinden, wo den Mitarbeitern eigentlich der Schuh drückt“, so Herr Schulze. Das Unternehmen müsse dann für sich klären, ob es die Mitarbeiter dabei mit Maßnahmen unterstützen kann oder nicht. Prof. Schneider ergänzte, dass KMU im Vergleich zu Großunternehmen viele Vorteile haben, da sie näher am Mitarbeiter dran sind. Aus seiner Sicht ist die Flexibilisierung der Arbeitszeit das zentrale Instrument zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Herr Schulze warnte davor, dass familienfreundliche Maßnahmen zu Konflikten innerhalb der Belegschaft führen, wenn Mitarbeiter ohne familiäre Verpflichtungen permanent eine höhere Aufgabenbelastung haben. Die Unternehmenskultur müsse daher davon geprägt sein, dass jeder von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen kann, „weil sie ja auch tatsächlich jeden irgendwann betreffen können, wie man am Thema Pflege sieht.“ Auf Nachfrage des Publikums erläuterte Herr Schulze, dass das Audit berufundfamilie aus seiner Erfahrung ein wichtiges Management-Instrument der Organisationsentwicklung sei. Alle Bereiche und Funktionen eines Unternehmens werden dabei durch den Auditor in den Blick genommen und es werden gemeinsam Ziele und Maßnahmen entwickelt, die auf das einzelne Unternehmen abgestimmt sind.

Die beiden Referenten stellten heraus, dass Unternehmer familienbewusste Maßnahmen nicht als abzuwehrende „Ansprüche der Mitarbeiter“ sehen sollten, sondern diese Angebote vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung eine große Bedeutung für die Attraktivität eines Arbeitgebers haben. Der Personalbereich werde sich grundlegend verändern und die Fachkräfte können sich ihren Arbeitgeber aussuchen.

Frau Stratmann ermutigte die Unternehmer abschließend dazu, sich dem Thema Vereinbarkeit zu stellen, sich Bündnispartner und Netzwerke zu suchen und von deren Erfahrungen zu profitieren.

Zusammenfassung

Frau Prof. Dr. Gisela C. Fischer fasste zusammen, dass die Bedeutung des Themas Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Zukunft weiter wachsen werde und die heutige Veranstaltung deutlich gezeigt hat, dass KMU davon profitieren können, da sie flexibler auf die Bedarfe ihrer Mitarbeiter reagieren können.

Im Anschluss nutzten viele der Teilnehmer die Gelegenheit, sich beim Netzwerken mit Imbiss über das Gehörte auszutauschen.



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